Die fehlende Seite im Buch
Es ist mal wieder einer der Tage, die Sophia so gar nicht mag. Mehrere Freundinnen haben ihr an diesem Samstag geschrieben, dass sie keine Zeit haben. Und das, obwohl doch gerade die Osterferien begonnen haben. Dabei fällt ihr zu Hause die Decke auf den Kopf. Sie will raus, etwas erleben und hier nicht einfach so nur herumliegen.
„Sophia, willst du mit mir ein bisschen an die frische Luft gehen?“, fragt sie ihr jüngerer Bruder, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
„Bin dabei!“ Sophia mag ihren Bruder, auch wenn er manchmal ganz schön nervt. Ihre Interessen sind nicht immer gut zu verbinden. Sophia liest viel, ist gerne draußen und plaudert teilweise stundenlang mit ihren Freundinnen über die neuesten Modetrends, während ihr Bruder vor allem Fußball im Kopf hat. Fußball, ein Sport, bei dem die Spieler dem Ball so verbissen hinterherrennen, dass Sophia sich manchmal fragt, ob der Ball den Spielern noch Geld schuldet.
„Den Fußball lässt du besser hier“, richtet sich Sophia an ihren Bruder. „Der geht dir in der Stadt nur verloren“, ergänzt sie. Noah widerspricht erst gar nicht. Kaum sind die beiden draußen, schlägt Sophia ein Ausflugsziel vor.
„Komm, lass uns ein wenig in die Stadtbibliothek gehen“, schlägt sie vor.
„Einverstanden“, antwortet Noah und beide machen sich auf den Weg zum Niddaplatz. Die Stadtbibliothek ist gut zu Fuß erreichbar. „Wir haben nur noch drei Stunden, bevor die Stadtbibliothek schließt“, meint Sophia, die die Öffnungszeiten in- und auswendig kennt. Sie war schon so häufig dort, dass sie die Mitarbeiter schon alle mit Namen kennt. Auf dem Weg kommen ihnen plötzlich Tom und Emilia entgegen.
„Was macht ihr denn hier?“, grüßt Tom die beiden.
„Wir sind gerade auf dem Weg zur Stadtbibliothek. Wollt ihr mitkommen?“, antwortet Sophia.
„Warum nicht“, erwidert Tom.
Sophia mag den Ort auch dank der beeindruckenden Form und Geschichte.
Lange hat die Stadt nach einem geeigneten Standort für die Bibliothek gesucht, da für Neubauten im Stadtzentrum der Platz gefehlt hat. Denn durch das Stadtzentrum von Bad Vilbel fließt die Nidda, ein Nebenfluss des Mains. Deshalb haben sie die Bibliothek einfach über den Fluss gebaut.
Sophia sieht bereits die Bibliotheksbrücke. Direkt über dem Fluss thront die riesige Bibliothek, die nach oben hin noch breiter wird. Ein beeindruckender Anblick. Ganz in der Nähe ist die Innenstadt und auch der Kurpark.
Vorbei am Café, in dem Sophia schon so häufig herzhafte und süße Tortenstücke gegessen hat. Gedanklich geht sie bereits in sich, ob sie genug Geld dabei hat, um etwas naschen zu können. Das ist nicht das eigentliche Ziel, denkt sie, und die vier gehen schnurstracks zu den Büchern.
„Hallo Egon“, grüßt Sophia den Mann am Empfang.
„Grüß dich, Sophia“, erhält sie eine kurze Antwort.
„Wollen wir alte Bücher für unsere Geschichtshausaufgabe suchen?“, fragt Tom und kaut dabei auf einem mitgebrachten Schokoriegel herum.
„Gute Idee, dann musst du nur aufhören zu mampfen, weil du sonst die Seiten schmutzig machst“, antwortet sie mit einem freudigen Grinsen im Gesicht. Während Noah seine Augen rollt und in Richtung der Sportbücher abdampft, hat sich Emilia bereits direkt am Eingang abgesetzt und scheint ihre eigenen Wege zu gehen.
Sophia und Tom haben in dieser Woche eine etwas spezielle Hausaufgabe von ihrem Geschichtslehrer mitbekommen. Sie sollen die Geschichte der Wetterau erarbeiten und sich auf die Suche nach Details machen, die wahrscheinlich noch keiner ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen kennt. Kreativ, aber nicht gerade einfach. Wo sollen sie da anfangen?
Sophia und Tom sind schnell in der History-Ecke der Bibliothek und während sich Sophia direkt das erstbeste Buch schnappt, sucht Tom nach einem freien Mitarbeiter, um ihn nach den passenden Büchern zu befragen. „Bin gleich wieder da“, ruft er ihr zu und verschwindet um die Ecke.
Sophia blättert ein paar Seiten durch, da kommt Tom bereits mit Egon zurück, der sich geduldig anhört, was Tom ihm zu sagen hat.
Kaum hat er Egon die Aufgabe beschrieben, greift dieser in die Schränke und zieht ein Buch heraus, das offensichtlich länger nicht mehr angefasst wurde. „Historische Berichte aus der Wetterau“ steht groß auf der Titelseite. Historisch scheint das Buch wirklich zu sein. Sophia muss erst einmal eine ordentliche Schicht Staub entfernen.
„Schaut das mal durch“, meint Egon. „Ansonsten findet ihr hier in dem Gang noch weitere historische Klassiker, die euch sicherlich weiterhelfen können.“
Die beiden schauen gebannt in das Buch. Die Schrift sieht merkwürdig aus, doch lesen können sie es trotzdem. Sophia blickt auf Seiten, die ihre Heimat zeigen, wie sie sie noch nie gesehen hat. Alles sieht ganz anders aus. Viel weniger bebaut – sie erkennt nichts wieder.
„Was ist das denn hier?“, fragt Tom und zeigt auf eine alte Karte mitten im Buch.
„Sieht aus wie mehrere Orte, die verbunden sind“, antwortet Sophia und blättert um.
„Der Wetterau-Code“, liest Sophia laut vor.
„Hier fehlt ein Stück“, sagt er.
Sophia lächelt nur müde. „Schlaumeier, denkst du, das sehe ich nicht selbst?“, raunt sie ihn an.
Tom weicht ein kleines Stück zurück: „Was hat es damit nur auf sich?“
„Warum reißt jemand aus dem Buch fast die ganze Seite aus?“, fragt sie leise. Sie blättert auf die nächste Seite.
„Das Symbol kommt mir irgendwie bekannt vor“, überlegt sie laut.
„Sieht wie ein Hufeisen aus“, erklärt Tom.
„Genau, stimmt, das ist es, Tom“, meint Sophia.
„Und was machen wir jetzt damit?“, will der von ihr wissen.
„Wir müssen das Symbol suchen und ich weiß auch schon, wo“, sagt Sophia.
„Und wo?“
„Ich habe das Symbol auf einem Spaziergang im Büdinger Wald mit meinen Eltern gesehen. Los, wir müssen dem auf den Grund gehen!“, erklärt sie.
Die Ausleihe der Bücher ist für Kinder kostenlos. Sophia muss nur ihren Bibliotheksausweis zeigen, ehe das Buch für einen Monat ihr gehört.
„Noah, Emilia, habt ihr Lust auf eine Schnitzeljagd der besonderen Art?“, fragt Sophia und erklärt, worum es geht.
„Cool, das kann und will ich nicht verpassen“, bietet Noah seine Hilfe an.
„Was soll das heißen, Wetterau-Code?“ Emilia ist skeptisch.
„Das wissen wir nicht. Lasst es uns herausfinden“, antwortet Sophia.