Der Unfall im Baumhaus

 

„Papa, meinst du, dass ich zu meinem achten Geburtstag eine besondere Fähigkeit bekomme?“, fragt Mina ihren Vater.

„Aber Schatz, du kannst doch jetzt schon ganz viele tolle Dinge“, antwortet er. „Du hast dein Seepferdchen gemacht, bist im Schwimmverein und turnst so gut, dass ich neidisch auf dich bin. Ich habe schon Muskelkater, wenn ich nach langem Sitzen wieder aufstehe.“

„Ja, schon“, zeigt sich Mina unzufrieden. „Ich will aber irgendetwas Magisches können“, meint sie schließlich.

„Wenn, dann kommt das von ganz alleine“, erklärt ihr Papa und beendet damit das Gespräch.

Papa legt seine Zeitung zur Seite und Mina sieht auf der Titelseite eine große Überschrift: „Kind mit heldenhafter neuer Superkraft in Altenstadt entdeckt“, steht dort in großen Buchstaben. Was kann ich nur tun, um meine Superkraft zu aktivieren? Andere Kinder in Altenstadt haben doch auch tolle Fähigkeiten, denkt Mina nach.

Mina beschließt, ihre Gedanken vorerst beiseitezuschieben und draußen spielen zu gehen. Mina und ihr kleiner Bruder Franz sind gerne draußen. Denn ganz in der Nähe gibt es einen Wald, in dem es sich fantastisch spielen lässt.

„Mina, willst du mit mir Rad fahren?“, fragt ihr kleiner Bruder.

„Von mir aus. Aber wir fahren nicht wieder ins Archäologische Museum“, antwortet Mina.

„Ich habe eine viel bessere Idee! Komm mit!“

Die beiden steigen auf ihre Fahrräder und radeln in Richtung Glauberg bis in den Wald. Die letzten Meter sind besonders anstrengend, da sie durch dichtes Gestrüpp müssen. Deshalb steigen sie ab und schieben ihre Räder das letzte Stück. Es ist ruhig im Wald. Nur ein paar Vögel zwitschern. Der Boden ist noch nass, da es in den letzten Tagen immer wieder geregnet hat. Gerade als Mina fragen will, ob das wirklich der richtige Weg ist, stoppt Franz plötzlich.

„Wir sind da“, sagt er strahlend und blickt seine Schwester zufrieden an. Sie stehen vor einem Baumhaus, das ganz oben in einen großen Baum gebaut wurde.

„Wow“, meint Mina nur.

„Ich war diese Woche schon mit Hannes hier. Er hat mir das gezeigt“, erklärt Franz.

Das Baumhaus wirkt auf Mina sehr groß und es hängt eine Strickleiter aus der nicht vorhandenen Eingangstür. Das Baumhaus wurde in einem dunklen Braunton gestrichen und es verschmilzt fast schon mit den anderen Bäumen ringsum. Niemals kann man diesen Ort finden, wenn man nicht schon einmal vorher hier war.

Mina und Franz klettern die Leiter nach oben und freuen sich, dass niemand außer ihnen das Baumhaus nutzt. Sie sind weit und breit die einzigen Kinder. Einmal oben angekommen, merkt Mina, dass das Baumhaus doch nicht besonders groß ist. Doch es reicht locker, dass sie sich hier oben gut ausbreiten können. „Hier können doch locker vier Kinder rein“, wendet sich Franz an seine Schwester.

„Ich verstehe auch nicht, dass hier so wenig los ist“, meint Mina und ergänzt dann: „Besser für uns.“

Sie genießen die Aussicht über Altenstadt.

„Das Fenster sieht aus wie der Ausguck von einem Piratenschiff“, bemerkt Franz plötzlich.

„Ay, ay. Kapitän! Bereit zum Entern!“, steigt Mina in das Spiel ein.

Sie spielen Piratenschiff und meinen, sogar das Schwanken des Schiffes in den Wellen zu spüren.

„Werft den Anker aus“, ruft Mina. Sie bemerkt, dass sie das Baumhaus ganz schön ins Wanken bringen. Plötzlich kribbelt ihr Ohr und sie hat das Gefühl, dass Franz in Gefahr ist.

„Lustig, das schwankt so schön“, findet Franz und wippt mit. Mina versucht, ihren Bruder zu warnen.

„Franz, pass auf! Ich habe kein gutes Gefühl“, ruft sie ihm zu.

Doch zu spät! Franz kann sein Gleichgewicht nicht mehr halten und fällt rückwärts den Eingang des Baumhauses herunter. „Franz!!!“, ruft seine Schwester, aber sie kann nichts mehr machen. Das sieht gar nicht gut aus. Hoffentlich kommst du wie durch ein Wunder sanft auf dem Boden auf. Ich brauche dich und will nicht, dass du dir wehtust, denkt sie. Sie hat Panik in den Augen und ihr läuft eine Träne über die Wange. Doch der Aufschlag bleibt aus. Kurz bevor er auf dem Boden aufkommt, bremst irgendetwas seinen Fall. Franz liegt quer in der Luft und es scheint, als ob er von irgendetwas aufgefangen wird. Mina reibt ihre Augen. Franz wird anscheinend liebevoll auf dem Boden abgesetzt. Für einen ganz kurzen Moment meint Mina, einen Schatten am Boden wahrzunehmen, der jedoch nur für eine Sekunde sichtbar war. Von der Größe her war der Schatten etwas größer als sie. Habe wirklich ich meinen Bruder mit meinen Gedanken gestoppt?, fragt sich Mina. Schnell schwingt sich Mina vom Baumhaus runter und klettert zu ihrem Bruder.

„Franz, ich glaube, ich habe meine Superkraft entdeckt“, wendet sie sich voller Freude an ihn.

Glücklich fällt ihr Franz in die Arme.

„Das ist nicht deine Superkraft, ich glaube, das ist mein Schutzengel. Unser Bruder Max passt auf mich auf“, zeigt sich Franz sicher.

„Max war noch ein Baby, als er in Mamas Bauch gestorben ist. Babys haben keine Superkräfte“, meint Mina und schaut Franz dabei grimmig an.

„Babys vielleicht nicht, aber Sternenkinder wohl“, ist sich dagegen Franz sicher. Beide sind froh, dass Franz unverletzt ist.

„Irgendjemand hat mich auf jeden Fall wie von Geisterhand gestoppt“, wendet sich Franz versöhnlich an Mina.

„Irgendwie hatte ich ein ganz komisches Gefühl, als du gefallen bist, und ich hab mir ganz fest gewünscht, dass du sanft fällst“, wirft Mina ein.

„Vielleicht hast du mich also aufgefangen, sodass ich mir nicht wehtue“, zeigt sich Franz unsicher. Während die beiden Geschwister auf dem Rückweg noch nachdenken, ob Minas Gedanken oder wirklich ihr Bruder für den sanften Fall verantwortlich sind, werden sie auf dem Nachhauseweg plötzlich angesprochen, als sie an einem Basketballplatz vorbeikommen. „Habt ihr Lust mitzuspielen? Wir brauchen noch zwei Spieler“, fragt sie ein deutlich älterer Junge.

„Ja, wir kommen gleich wieder!“, antwortet Mina.